19.05.2010 22:11

Mordgelueste in der Weberei: "Textfabrik"- die Erste gestartet

Rubrik: NiMas BlogBuch, Theater, Startseite
Von: NiMa Anwander-Baranowski

Guetersloh (nima). Heute schreibe ich endlich (ja!) ueber die neue Lesereihe ‚Textfabrik‘ vom vergangenen Sonntag. Da eine ‚Fabrik‘ qualmende Schlote und Massenproduktionen in meinem Hirn assoziiert, konnte ich mich anfangs (verzeiht!) nicht so recht damit anfreunden. Dann fiel mir ein Zitat Fritz Mauthners aus  „Beitraege zu einer Kritik der Sprache“ ein und ich begann zu gruebeln:

„Die Sprache ist schlechte Fabrikarbeit […]“

Mittlerweile kann ich mich in der Mitte treffen. Autoren fabrizieren Texte. Sofern sie im Fluss sind; am laufenden Band.  Im gesprochenen Wort kennen wir Redner ohne Punkt und Komma. Beides kann ich nun besser mit ‚Fabrik‘ verbinden.  Doch ‚schlecht‘ ist mir in diesem Zusammenhang zu subjektiv und negativ. Ich orientiere mich lieber an affirmativen Aphorismen:

Jeder Mensch hat seine eigene Sprache.
Sprache ist Ausdruck des Geistes. -  
Novalis

Und deshalb lauschte ich gern dem Geist, den materialisierten Gedanken der Autoren, sowie den musikalischen Einschueben der Bielefelder Didgers, von Raphael und Philipp Roechter, Lennart Horstmann und Marlon Boesherz.

Der junge Boesherz praesentierte sich seinem Namen gerecht. Seine Gitarre und sein Gesang swingten leidenschaftlich-herzlich, als er sich dann an das Lesepult setzte, hoerte ich ihn dazu im Kontrast mit diabolischer Stimme vom ‚Mal-Selber-Hand-Anlegen‘ lesen. Eine aeußerst gelungene Kombination, die vor allem im musikalischen Teil Applaus verdiente.

 

Thema dieser ersten Lesung war der Krimi, so dass mehrere Autoren dieses Genre geladen waren. So las der Chirurg Dr. Paul Sanker aus seinem Roman ‚Abgruende‘ , dessen Protagonist selbstredend mordlustig durchs Leben streift und auf einen Flaschengeist trifft. Auf Franziska Roechters Frage, ob sein Beruf ausschlaggebend fuer einen Krimi-Autoren sei, antwortet Sanker: „Fuer mich ist es ein Ausgleich.“ Mein Respekt, neben der aerztlichen Taetigkeit noch Zeit und Muße zum Schreiben zu finden.

 

Regina Schleheck schilderte aus ihrem Buch „Klappe zu, Balg tot“ die Verzweiflung und Verbitterung einer schwangeren, hinterher gebaerenden Frau, die ihr Kind loswerden will. Detailreich - schaurig - gut.

 

Weil es mir waehrend dieses Textes am meisten aufgefallen war, moechte ich hierbei die Bitte zwischenschieben, die naechste Lesung in den Wintergarten zu verlegen, da ich die Geschaeftigkeit des Webereibetriebs als sehr stoerend empfand. Sicherlich fand sich so auch noch neues Publikum ein, doch Interesse wird Zuhoerer und Innen auch bis ins Séparée fuehren.

 

Nach dem musikalischen Einschub von Keyboarder Raphael las Olga Baumfels aus Muenster erstmals aus ihrer Krimi-Satire. Gefolgt von ‚Harrys Mosaik‘ aus der Anthologie „Mord am Konradsberg“  von Ulrike Zimmermann, die mit ihrer ‚Italiano‘-Vorleserstimme bestach.

 

Bei Harry Michael Liedtke – der Sphaeronaut – gefiel mir die Verwendung von Vulgaritaeten wie „… aufs Grab pissen“ aus seinem „Begraebnis auf dem Mond“.

 

Paola Reinhardts Lesestimme klang so aesthetisch, wie ihr gesamtes Erscheinungsbild.

 

Dietlind Broedel-Waschke stimmte „Danke fuer diesen guten Morgen an“, was ich beinahe mitgetraellert haette.

 

Und Initiatorin Franzi Roechter selbst las Diverses u.a. ‚Nirwana‘ , einen Mord an der Weberei aus ihrem Repertoire.

Vielen Dank allen Mitwirkenden fuer die abwechslungsreichen Eindruecke. Auch wenn die erste Lesung ein leiser Auftakt gewesen ist, bin ich ueberzeugt, dass diese Lesebuehne Anklang finden und die Weberei, wie gewohnt, rocken wird. Ich freue mich daher, am 20. Juni dazu beitragen zu koennen und wuensche uns ein volles Haus, denn schon Schiller wusste um die Publikumspraesenz  

 

„Willst du in Deutschland wirken als Autor, so triff sie nur tüchtig, denn zum Beschauen des Werks finden sich wenige nur.“

 

PS. Ich verweise noch auf Franzis Litfass – das Resuemee der Autorin Roechter zur Veranstaltung.


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