08.12.2009 19:32

Kultur, Bildung und Integration im Abseits

Rubrik: Ausstellung & Kunst, Musik, Theater, Schulkultur, Gemischtes

Sagen Sie Ihre Meinung zu den geplanten Sparmaßnahmen im Kulturbereich!

Zum Vergrößern Bild anklicken

Gütersloh. Die Weberei Gütersloh, der Kunstverein Kreis Gütersloh und der Heimatverein Gütersloh als Träger des Stadtmuseums haben in einer gemeinsamen Stellungnahme auf die von der Verwaltung vorgeschlagenen Kürzungen der Zuschüsse reagiert. Hier ist der komplette Text nachzulesen. Kulturgueter.Info möchte ein Zeichen setzen und den "Total-Ausverkauf" der lokalen Kultur zur öffentlichen Diskussion stellen, denn am meisten wird es die Bürger selbst treffen. Als Portal von Bürgern für Bürger möchten wir die Meinungen derer sammeln, die es betreffen wird. Sagen Sie uns Ihre Meinung zu diesem Thema, denn nun gilt es auch für die Bürgerschaft Stellung zu nehmen.

 

Es folgt der Originaltext der drei oben genannten Kulturträger:

>>„Total-Ausverkauf wegen Geschäftsaufgabe“. Was sich wie eine Chance für Schnäppchenjäger anhört, könnte bald auf weite Bereiche der Gütersloher Kulturangebote zutreffen. Würden die Sparvorschläge der Verwaltung umgesetzt, wären traditionsreiche und für die soziale und kulturelle Infrastruktur unverzichtbare Einrichtungen in ihrer Existenz gefährdet. Konkret heißt das: Bei einer Zuschusskürzung von 20 % könnten Die Weberei, der Kunstverein Kreis Gütersloh und das Stadtmuseum in Trägerschaft des Heimatvereins Gütersloh ihren bisherigen Betrieb nicht länger aufrecht erhalten. Mit einem dramatischen Appell wenden sich jetzt die Verantwortlichen dieser Häuser mit der Kreismusikschule an Öffentlichkeit, Politik und Verwaltung. 

 

Ohne die genannten Einrichtungen wäre die Stadt Gütersloh ein kulturelles Armenhaus. Bürgerinnen und Bürger würden diesen Verlust an Lebensqualität nicht akzeptieren. Die Stadt erlitte durch die Preisgabe dieser zentralen weichen Standortfaktoren einen gewaltigen Attraktivitätsverlust. Neben dem Imageschaden drohen mittelfristig beträchtliche Folgeschäden durch den Wegfall der Basiskultur- und Bildungsarbeit.  

 

Die Weberei ist mit ihrer niedrigschwelligen Angebotsvielfalt als soziokulturelles Begegnungszentrum ein aus dem Leben der Stadt nicht mehr wegzudenkender Ort der korrelativen Begegnung und Kommunikation. Der Kunstverein Kreis Gütersloh ist mit seinen Ausstellungsangeboten in dem einmaligen Baudenkmal des Veerhoffhauses die wichtigste Vermittlungsinstanz im Bereich der Bildenden Kunst. Nur hier, ist es möglich, größere zusammenhängende Ausstellungen mit überregionalem Charakter zu zeigen. Herausragende Künstler der Gegenwart werden in Zusammenarbeit mit Akademien, Museen, Galerien und anderen Kunstvereinen in die Region geholt. Das Stadtmuseum hat in den vergangenen Jahren auf den beschleunigten gesellschaftlichen Wandel reagiert und sich neue Zielgruppen erschlossen. Es wurde zum anerkannten und verlässlichen Bildungspartner der Grundschulen. Das historische Bauensemble ist eine Zierde im Herzen der Stadt. Die Kreismusikschule vermittelt eine breite und grundlegende musische Bildung, deren persönlichkeitsbildende und sozial-integrative Wirkung hoch geschätzt wird. Alle vier Traditionshäuser leisten verdienstvolle Arbeit in den nicht auseinander zu dividierenden Bereichen der Kultur, Bildung und Integration. 

 

Alle kommunalen Haushalte sind durch dramatisch gestiegene Sozialkosten und ebenso dramatische Steuerausfälle in eine extreme Schieflage geraten. Jedoch ist es völlig verfehlt, zu einer Haushaltssanierung durch Einsparungen im Kulturbereich gelangen zu wollen. Bereits 2001 und in den Folgejahren mussten unsere Einrichtungen sukzessive erhebliche Mittelkürzungen hinnehmen und sind seitdem chronisch unterfinanziert. Weitere Einsparungen können nur mit einer radikalen Einschränkung der Angebotsvielfalt erzielt werden. Während die beabsichtigten Einsparungen den Haushalt nur unwesentlich entlasten würden, brächten sie große Verluste für die gemeinnützige freie Kulturarbeit in unserer Stadt. Kulturstaatsminister Bernd Neumann – kürzlich auch in Gütersloh – warnt die Kommunen dringend, diesen Irrweg zu vermeiden:

  • „Die Anteile der Kultur an den Etats in Ländern und Kommunen beträgt im Mittelwert 1,9 %. Mit Sparmaßnahmen in diesem Bereich saniert man keine Haushalte! Und ich appelliere an alle: Schonen wir die Kultur! Die geringen Einsparsummen, die überhaupt möglich wären, stehen in keinem Verhältnis zu dem kulturellen Flurschaden, den man anrichten würde.“

 

Die Erkenntnis, dass an der Kultur nicht gespart werden darf, ist zum politischen Allgemeingut geworden. Dahinter darf man in Gütersloh nicht zurückfallen.  

 

Erst am 10. November gab Kulturstaatsminister Neumann diese zentralen politischen Leitlinien vor:

  • „Kunst und Kultur sind der Zukunftsmotor einer Gesellschaft“ – Er darf in Gütersloh nicht abgewürgt werden.
  • „Gerade in Zeiten der Globalisierung, gekennzeichnet durch zunehmende Verunsicherung und Orientierungslosigkeit des Einzelnen, bedarf unsere Gesellschaft eines tragfähigen, gemeinsamen geistigen Fundaments, und dieses Fundament ist die Kultur.“ – Die bedrohten Einrichtungen vermitteln dieses Fundament. Es stabilisiert den Einzelnen wie die städtische Gesellschaft.
  • Die Kultur stiftet das Bewusstsein für die eigene Geschichte, sie schafft Zusammenhalt und stiftet Werte und Traditionen, die unser Land, die unsere Gesellschaft für ein menschliches Miteinander brauchen. Durch die Kultur entsteht gerade für unsere Kinder und Jugendlichen jene Orientierung und Kreativität, die uns lebenslang begleitet.“ – Die gefährdeten Einrichtungen leisten allesamt zusehends wichtiger werdende Beiträge im Bereich der kulturellen Bildung.

 

Finanzielle Kürzungen träfen nicht nur fachlich qualifiziertes Personal, sondern auch ganz wesentlich viele ehrenamtlich Tätige, die gemeinsam mit den ohnehin wenigen „Kulturprofis“ das Vertrauen der Gütersloher Bevölkerung genießen. Einerseits werden Ehrenamtliche in Gütersloh gefordert und auch gefördert, anderseits nimmt man ihnen die Einsatzmöglichkeiten. So entmutigt man ehrenamtlich engagierter Bürgerinnen und Bürger, denen die gemeinnützigen Kultureinrichtungen sehr am Herzen liegen. Das darf nicht zugelassen werden. 

 

Eine Bestätigung dieser Positionen findet sich Anfang 2009 auch in der von der Stadt Gütersloh selbst in Auftrag gegebenen Begutachtung durch die Unternehmensberatung Rödl & Partner, die im Bereich der freiwilligen städtischen Leistungen bei der „freien und regionalen Kulturarbeit“ ein theoretisches Einsparpotential von € 325.000 sahen. Eine Kürzung der Zuschüsse um diesen Betrag würde laut Gutachten jedoch

  • „das breite kulturelle Spektrum in der Stadt vollständig zerstören.“ Vor dieser und einer weiteren Konsequenz wird gewarnt:
  • „Aber auch die vielfältigen kulturellen Beteiligungsmöglichkeiten für die Bürgerinnen und Bürger wären in der Form nicht mehr möglich.“ – Das kann politisch nicht gewollt sein!

 

In Anbetracht der chronischen Unterfinanzierung der feien Kulturträger würde auch die jetzt geplante Kürzung von 20 % der Zuschüsse die Arbeit unserer Einrichtungen schwer beschädigen. 

Noch wird die Kulturarbeit zu den freiwilligen Leistungen gezählt. Diese Zuordnung ist wegen der beschleunigten Deformationsprozesse nicht mehr zeitgemäß. Kultur ist von hoher gesellschaftlicher Bedeutung und muss daher in eine öffentliche Pflichtaufgabe umgewandelt werden.  

Die Situation gebietet ein entschlossenes, in die Zukunft gerichtetes Handeln:

  • Die betroffenen Kultureinrichtungen sorgen sich um ihre Existenz und die kulturelle Daseinsvorsorge in Gütersloh.
  • Sie sind bereit ihren Beitrag zu leisten, benötigen aber Perspektiven und Planungssicherheit.
  • Sie erklären sich solidarisch und rufen auf zu einer breiten Initiative für Kultur, Bildung und Integration. Ihre Arbeit verdient eine breite und überparteiliche politische Unterstützung. 
  • Unser Kulturdezernent hat sich in Bielefeld den Ruf eines schlagkräftigen Unterstützers der freien Kulturarbeit erworben. Diesen Einsatz wünschen  sich auch die freien Kulturträger in Gütersloh.
  • Die KulturRäume können sich ohne die bestehenden freien Einrichtungen nicht glaubwürdig entfalten. und wären ohne sie erfolglos.
  • Eine KulturLandschaft Gütersloh kann sich nur in einem gleichberechtigten Nebeneinander kommunaler und freier Kulturanbieter entwickeln. Zudem darf nicht vergessen werden, dass die Arbeit freier Träger mitunter deutlich kostengünstiger und effizienter ist.
  • Von dieser Einsicht muss eine kommunale Kulturpolitik getragen sein, die  für diese wichtigen Zukunftsaufgaben noch entwickelt werden muss. Dazu bieten wir unsere Mitarbeit an. 
  • Gütersloh muss Profil zeigen: als Zentrum für Kultur, Bildung und Integration. Nur so kann die Krise neue Chancen eröffnen.

  

    Kulturräume Gütersloh

-  freie Kultur in Gütersloh

= kultureller Ausverkauf 

Zu dieser Super-GAU-Bilanz darf es in Gütersloh niemals kommen!  

 

Gütersloh, 1. Dezember 2009 

 

Die Weberei 

Kunstverein Kreis Gütersloh 

Stadtmuseum Gütersloh <<

 

Einen weiteren sehr lesenswerten Artikel zum Thema bietet die "Zeit Online" unter dem Titel "Der große Kahlschlag"

 

 


Kommentar verfassen




Kommentare

Anzeige: 1 - 5 von 5.
 

ben

am 08/12/09 um 01:08

Wir freuen uns auf viele Meinungen! Der Ben von KGI.

 

mina

am 08/12/09 um 18:06

find echt gut das ihr mal darauf aufmerksam macht!! hoffe das ganze bringt was!

 

Krawalli

am 09/12/09 um 23:12

Neulich las ich Folgendes: Trotz Haushaltskrise - Stadt Gütersloh sorgt für Komplett-Sanierung des Veerhoffhauses (ca. 710 000 Euro) und für notwendige Erneuerung der Weberei (Dach, Fenster, Lüftung) für 535.000 Euro. Wer soll das verstehen? Aber 20 % Kürzung im Kulturbereich! Das eine soll wohl der "Konjunkturbeschleunigung" dienen, das andere ist für die Stadt der bequemste Weg, Gelder zu streichen!

 

Planet

am 12/12/09 um 19:35

Kultur geht alle an. Früher galt bei kleinen Leuten nur die Kirche als Ort des Glaubens und der Kultur. Heute leben viele Menschen ohne Kultur. Das ist nicht gut. Nicht gut ist aber auch, wenn die Kultirschaffenden oder die sich dafür halten, ewig jammern und nach dem Staat rufen, genauer gesagt nach dem Geldbeutel der Mitbürger. Besser wäre es, sich um kunstintressierte Bürger zu kümmern, sich um deren Zuarbeit zu bemühen! Ein Haus zu bauen (Theater) ist keine Kunst. Die Kunst besteht darin, es mit Leben zu füllen, dem Haus zum Mittelpunkt der Bürger, aller Bürger zu machen. Mit dem Ruf nach Geld vom Steuerzahler, werden Sie das schöne Haus nicht mit dem Geist der Kunst erfüllen.

 

Kulturette

am 16/12/09 um 14:30

@ Krawalli: ist doch ganz einfach - die Investitionen sind in diesem Fall staatliche Gelder (für die Stadthalle übrigens 300.000), die Kulturkürzungen dienen dem städtischen Haushalt. Der wurde 2009 ja mit ganz anderen Investitionen belastet, da sind das alles Peanuts gegen...