Gütersloh (ben). Schon die Überschrift zu diesem zweiten Tag der "Woche" bereitet zu später Stunde einiges Kopfzerbrechen. Und fraglich ist mir in diesem Moment auch noch, wo ich die Geschichte dieses Abends finden kann. Denn jeder Tag auf dem Dreiecksplatz schreibt seine eigene, ganz individuelle Geschichte. Jeder Abend bringt so viel vertraut-bekanntes und auf der anderen Seite doch so erstaunlich überraschendes mit sich. Es ist wohl das besondere Flair, das eine Story nach der anderen erzählt - und trotz alledem: An diesem Abend ist es nicht einfach, den Faden zu finden und am Ende auch noch zu halten. Aber nunja, beginnen wir wieder einmal von vorne:
Das Programm des Tages versprach "Jazz und Blues". Dementsprechend auch der Bühnenaufbau: Ein schwarzer Flügel füllt die linke Seite der Bühne eindrucksvoll aus. Rechts ein kleines Jazz-Drumset, in der Mitte liegt ein mächtiger Kontrabass. Mit dem Auftreten der Mitglieder des "Julian und Roman Wasserfuhr Quartett" gesellt sich eine Trompete in die Runde, die das Ensemble komplettiert. Behutsam ergreifen alle Musiker ihre Instrumente, das freundlich-gelbe Licht der Scheinwerfer gibt der Szene ein warmes und entspanntes Gefühl unter einem wolkenbehangenen Himmel. Pianist Roman Wasserfuhr schwingt langsam die Hand hin und her, zählt leise ein, um das Quartett vom ersten Ton an in den optimalen Takt zu bringen. Die Konzentration auf die Musik ist allen Vieren anzusehen, die ersten Töne erklingen - und der Wies'n-Wohlfühlfaktor ist da. Von einem Moment in den nächsten taucht der von Julian Wasserfuhr unglaublich sanft intonierte Trompetenklang das Publikum in ein Meer verträumter Augenblicke. Er begleitet die Zuhörer in unnachahmlicher Weise hin zum "Young German Jazz", wie es im Programmheft angekündigt war.
Ein Weg, den viele auch nicht Jazz-Liebhaber in diesem Moment gerne mitgingen, fasziniert von der Klasse der noch sehr jungen Musiker. Sowohl die vorgetragenen Stücke, zum Teil vom aktuellen Album "Upgraded in Gothenburg", als auch die charmant eingebrachten kurzen Ansagen trafen genau ins Herz der Gütersloher und sicherten dem Quartett einen ebenfalls sehr herzlichen und warmen Applaus.
Die Umbaupause ließ den schweren Flügel verschwinden und auch sonst alles, was man in der ersten Stunde des Abends bereits lieb gewonnen hatte. Den Platz nahmen DJ-Plattenteller, E-Gitarre, Bass und Gesangsmikros ein. Kurz gesagt: SCHNITT!
Umdenken, orientieren und überraschen lassen lautete nun das Motto. Wer kantigen und bodenständigen Blues erwartete, der wird im ersten Moment erschrocken gewesen sein. Denn die ersten Töne kamen vom DJ-Pult, weckten das leicht fröstelnde Publikum auf und schlugen mit ihren - dann doch kantigen - Bässen auf dem Platz ein. "Brixtonboogie" aus Hamburg nennen das, was sie machen, Crossover-Blues. Blues also, gemischt mit unzähligen Einflüssen aus Funk, Hip-Hop und Elektro. Bis auf wenige klar erkennbare Blues-Elemente ließen die sieben Musiker ihrem Ursprung allerdings selten Raum und setzten vor allem auf vielfältige "moderne" Sounds. Das Publikum brauchte ein wenig, um sich mit dem, was da auf der Bühne passierte, ehrlich anzufreunden. Letztlich gelang aber auch dies und zum Ende des Abends - erst recht mit der Zugabe der Band (der gemeine Westfale lässt grüßen) - waren alle versöhnt mit sich, dem Platz und der Musik.
Letztlich hat also auch dieser Abend alle Regeln des Dreiecksplatzes erfüllt: Es gab intensive Wohnzimmer-Gefühle, überraschende Wendungen und vor allem eine Menge erstklassiger Musik. Und wenn wir ganz ehrlich sind: Auch - oder gerade - dieser Abend hat seine ganz eigene Geschichte!
Und auch am Mittwoch werden Geschichten geschrieben: Am heimlichen "Abend der Jugend" gibt es Indie-Rock von "The Kissaway Trail" aus Dänemark und "The Tunics" aus London.
Auch dann wieder dabei grüßt bereits jetzt: Der Ben.
Alle Bilder mit herzlichem Dank an Karin Hoffschildt!