Gütersloh (ben). Er ist wohl der bekannteste Imbisswirt, den das deutsche Fernsehen hervorgebracht hat: Ingo aus der TV-Kultserie „Dittsche, das wahre Leben“. Woche für Woche lässt er sich dort von seinem Stammkunden Dittsche (Olli Dietrich) über die wichtigen und unwichtigen Ereignisse des Lebens aufklären. Er hört zu und gibt im passenden Moment seinen Senf dazu, genauso also, wie man es von einem guten Wirt erwartet. Die Fritteuse jedoch blieb bislang immer kalt. Um das wahre Imbiss-Leben zu erkunden und seine Rolle zu festigen hat sich der Schauspieler und Musiker (Texas Lightning) Jon Flemming Olsen auf die „Reise ins Herz der Imbissbuden“ gemacht.
Genau 16 Bundesländer und 16 Imbissbuden bereiste der Hamburger innerhalb eines Monats, arbeitete jeweils einen Tag lang als Praktikant mit und erlebte das wirklich wahre (Imbiss-) Leben in seinen unterschiedlichsten Facetten. Seine Erlebnisse hat er nun im Buch „Der Fritten-Humboldt“ zusammengefasst, welches er am vergangenen Mittwoch im Rahmen der Bertelsmann-Reihe „BeLesen“ in der Weberei erstmalig vor Publikum vorstellte. Und das tat er überaus Sypathisch und persönlich.
Was die Zuschauer erwarten würde stellte Olsen vorsichtshalber gleich zu Beginn des Abends fest: „Das Buch ist keine Aneinanderreihung von Imbiss-Schenkelklopfern, sondern es wird durchaus auch ans Herz gehen“, betonte er. Auch wenn er zunächst im ersten Kapitel recht vergnügt seine Gedanken während des ersten Aufenthaltes der Reise in Schleswig-Holstein in Worte fasst, einprägsam einen Stammgast nach dem anderen skizziert und ausdrucksstarke Bilder um seine persönliche Situation herum zeichnet – der Ernst lässt nicht lange auf sich warten. Denn hinter den skurrilen und zunächst lustig anmutenden Figuren macht er schnell harte und ergreifende Schicksale aus. Er schaut also genau hin und versucht so, das Wesentliche der Imbissbuden zu ergründen.
Wer einen Bewertungskatalog für Imbissbuden des Landes erwartet hat, ist bei Olsen somit falsch. Zwar fällt der ein oder andere Satz zur „richtigen“ Zubereitung von Currywurst oder zur Portionierung der Pommes, doch vordergründig geht es um Wirte, Gäste und deren Geschichten. Dass bei der kleinen Auswahl kein repräsentatives „Gesamtbild Imbissdeutschland“ heraus kommt ist ebenfalls klar, doch lassen sich durchaus soziale und auch gesellschaftliche Bedeutungen ausmachen, wie am Beispiel von „Ludes Imbiss“ in Schleswig Holstein deutlich wurde: „Dieser Ort, denke ich, ist eine in sich abgeschlossene, eigene kleine Welt. Ein Rettungsboot, weit draußen auf hoher See.“
Stilecht wurde in der Pause auch Currywurst mit Pommes auf Papptellern und mit obligatorischem „Piekser“ gereicht. Im anschließenden offenen Gespräch bewies das Publikum reges Interesse an den Erfahrungen Olsens, die er gerne teilte und auch einige Geschichten zur Entstehung des Buches zielsicher und humorvoll erzählte. Und auch, wenn jeder Imbiss seine eigene Geschichte hat, konnte er Gemeinsamkeiten ausmachen: „In fast jeder Biografie der Imbisswirte gab es einen großen Bruch. Ein Traumberuf ist das nicht und ausgesucht hat sich das fast keiner.“
Wer das Buch liest, wird wohl eine etwas andere Sicht auf die Imbissbuden um die Ecke entwickeln. Der Autor selbst hinterlies in Gütersloh auch ohne Perücke und Ingo-Shirt ein beeindrucktes Publikum.
Weitere Informationen: www.fritten-humboldt.de
Buchdaten:
Jon Flemmimg Olsen: „Der Fritten-Humboldt – Meine Reise ins Herz der Imbissbuden“, erschienen im Verlag Goldmann. 288 Seiten.
Erscheinungsdatum: 18. März 2010
Preis: € 14,95
ISBN: 978-3-442-31219-1