Gütersloh. Moose sind sämtlich klein, sehen alle gleich aus, lassen Steinflächen grün werden und zerstören den Rasen. „Mitnichten“, weiß Jürgen Wächter, der seit 20 Jahren Moose in Ostwestfalen kartiert hat und der davon ausgeht, dass sich allein in Gütersloh 200 verschiedene Moose finden lassen.
Es wimmelt vor Moosen in Gütersloh. Unter den Bäumen im Stadtpark wächst zum Beispiel das Schöne Frauenhaar- oder Widertonmoos. Dieses Laubmoos bildet bis zu 15 Zentimeter hohe Pflanzen mit lanzettlichen Blättern. „Früher wurde es gesammelt und in Hauseingängen aufgehängt, denn man dachte, es besitze eine magische Abwehrkraft gegen Schadzauber“, erläutert Wächter. „Widerton“ kommt sprachgeschichtlich von „Wider das böse Antun“. So konnte man also böse Verwünschungen der Nachbarn abwehren. An den Spitzen der Pflanzen sieht man auch die gestielten Sporenkapseln, in denen Sporen vorhanden sind, mit denen sich die Moose fortpflanzen.
Auf Steinen vor dem Palmenhaus im Botanischen Garten findet man das Silberbirnmoos. Es hat helle Blattspitzen und kann so mit der intensiven Sonneneinstrahlung klarkommen. Zudem ist es ein Moos, das sehr gut Salz vertragen kann. Daher wächst es auch sehr häufig in Ritzen von Plattenwegen, wenn diese im Winter mit Salz gestreut werden. Das Moos kam wohl früher nur an den Küsten und an wenigen Salzquellen vor, hat sich entlang der Autobahnen jedoch weit verbreitet. In Gütersloh ist es überall recht häufig.
Sehen diese beiden Laubmoosarten schon sehr unterschiedlich aus, unterscheidet sich das Brunnenlebermoos davon extrem. Es besteht aus flächigen Lappen, die sich an den Untergrund schmiegen. An der Oberseite sitzen kleine „Becher“, die mit mehrzelligen Brutknospen gefüllt sind. Fällt ein Regentropfen hinein, werden sie herausgeschleudert und aus der Brutknospe wächst eine neue Pflanze. Dieses Moos kann sich also ungeschlechtlich fortpflanzen. Das gibt ihm den Vorteil, offene Böden, wie zum Beispiel Feuerstellen, schnell besiedeln zu können, bevor Samen höherer Pflanzen dort keimen können.
Moose sind im Vergleich zu den höheren Pflanzen außerordentlich konkurrenzschwach. Sie weichen meist auf Standorte aus, die von diesen nicht besiedelt werden können, wie Felsen, Baumrinde, sehr dunkle Waldböden und nährstofffreie Sandflächen. In dichtem Bewuchs, wie zum Beispiel in einer Wiese, kommen Moose fast gar nicht vor. Das Gras wächst über sie hinaus, nimmt ihnen Licht und Nährstoffe und setzt sich sehr schnell durch. „Ja aber das Moos in meinem Gartenrasen…“, hört man oft als Einwand. „Doch daran sind wir nun selber schuld“, meint Wächter. „Denn wir traktieren das Gras mit unseren Mähern so stark, dass es einfach keine Chance mehr hat, sich gegen das Moos durchzusetzen.“ Die Lösung sei ganz einfach. Wir brauchten bloß seltener mähen und das Moos verschwindet von allein. Außerdem würden wir dann zahlreichen Kräutern Gelegenheit geben ihre Blüten zu entfalten, von denen wiederum unsere Insekten profitieren, so der Fachmann.
"Wer Moose beobachtet, weiß mehr"
Moose reagieren auf die Verhältnisse an den Substratoberflächen. Ihre Beobachtung lässt daher oft viel schneller Rückschlüsse auf Veränderungen zu. Einige Arten sind zum Beispiel ein guter Messfühler für den Eintrag von Nährstoffen über den Luftweg. Die meisten Moose können zu hohe Nährstoffraten nicht vertragen und sterben ab, nur wenige überleben. In Gütersloh wurde festgestellt, dass diese so genannten „Nitrophyten“ stärker in den Randbereichen der Stadt auftreten, was auf eine Beeinträchtigung durch landwirtschaftliche Düngung deutet. Auf Baumrinden und Findlingen wachsen dann meist nur noch zwei Moosarten, das Zypressenschlafmoos und das Lockige Gabelzahnperlmoos, eingebettet in dichte Algenflächen. Solche Algen, nicht Moose, an überdüngten Flächen sind es, die Steinflächen, Plattenwege und sogar Verkehrsschilder grün überwachsen.
Auch als Anzeiger von Schwermetallen sowie für Feuchtegrad und Klimaverhältnisse können Moose dienen. Sie stellen wichtige Elemente im ökologischen System dar, sind Lebensraum für zahlreiche Kleinstorganismen, verhindern Winderosion auf Sandflächen, sorgen durch die isolierende Wirkung ihrer dichten Bestände für den Erhalt der Bodenfeuchtigkeit und dienen als Keimbett für zahlreiche Arten der Farn- und Blütenpflanzen. „Schauen wir doch einfach mal genauer hin, was in unserer Umgebung, unserem Garten und vor unserer Tür alles so Interessantes wächst“, ermuntert Jürgen Wächter.
Jürgen Wächter (geb. 1962) wohnt in Werther und kartiert seit etwa 20 Jahren die Moose in Ostwestfalen mit Schwerpunkt im Teutoburger Wald und in der Senne. Die Ergebnisse sind in verschiedenen Fachzeitschriften veröffentlicht, u. a. in den Berichten des Naturwissenschaftlichen Vereins für Bielefeld und Umgegend.