13.01.2011 10:00

Biologische Vielfalt: 100 verschiedene Vogelarten im Stadtgebiet

Rubrik: Schulkultur, Ausstellung&Kunst, Gemischtes, GTextra, Startseite
Von: gpr

Kiebitz

Brachvogel

Goldammer

Gütersloh (gpr). Dass die Amsel eigentlich auch eine Drossel ist und es „die“ Drossel gar nicht gibt, wissen nur wenige. „Die Amsel, auch Schwarzdrossel genannt, ist vielmehr nur der bekannteste und häufigste Vertreter aus der Familie der Drosseln, zu der auch die Singdrossel, die Wacholderdrossel und die Misteldrossel gehören“, erklärt der Biologie Bernhard Walter, der sich intensiv mit der Wiesenvogelerfassung in Gütersloh beschäftigt hat.

 

Auch hinter dem „Finken“ verbergen sich mehrere Arten, wie der Buchfink, der Distelfink und der Grünfink. Nur der Star ist bei uns tatsächlich solo und nur mit dieser einen Art vertreten. Im Stadtgebiet von Gütersloh brüten etwa 100 verschiedene Vogelarten. „Dies ist eine bemerkenswerte Vielfalt, die auf eine abwechslungsreiche, durch viele verschiedene Lebensräume geprägte Landschaft hinweist“, urteilt der Biologe. Einige der häufigeren Arten, wie die Amsel oder den Buchfink kann man quasi überall in Gütersloh antreffen, während manche Vögel stark auf bestimmte Lebensräume spezialisiert sind und nur hier leben können. In den urbanen Bereichen kommen andere Vögel als im Wald vor, wieder andere leben in der offenen Feldflur oder den Hecken und Feldgehölzen einer Wiesenlandschaft. 

"Viele fanden eine zweite Heimat"

Vom Felsen ins Haus: In die zentralen Stadt- und Siedlungsbereiche sind Vogelarten eingezogen, die als ehemalige Felsenbrüter in den künstlichen Felsen der Häuser eine zweite Heimat gefunden haben. Hierzu gehört der Mauersegler, ein wahrer Flugkünstler, der fast sein gesamtes Leben in der Luft verbringt. Als Brutplatz bevorzugt er hohe Gebäude mit freien Anflugmöglichkeiten, ist aber auf Hohlräume in Giebel und Dach oder auf Nischen hinter Mauerlöchern angewiesen, um seine Jungen aufzuziehen. Durch moderne, isolierende Bauweise und Renovierungen sind viele Brutmöglichkeiten für den Mauersegler verloren gegangen. Der Tipp es Biologen: Es ist aber durchaus möglich, klimaschonende Wärmedämmung und Mauerseglerbruten unter ein Dach zu bringen, etwa durch das Anbringen von speziellen Niststeinen, die gerne angenommen werden. Durch das Aufhängen von geeigneten Nisthilfen kann auch anderen „Felsenbrütern“ geholfen werden, zum Beispiel der Mehlschwalbe oder dem Haussperling. Etwas ganz Besonderes ist aber die Ansiedlung eines Wanderfalkenpaares mitten in der Stadt in einem eigens dafür am Telekom-Turm angebrachten Nistkasten. Es ist das einzige Brutpaar dieser seltenen Art im gesamten Kreis Gütersloh. „Dies ist ein schöner Erfolg, der dazu beiträgt, dass sich der einst bei uns ausgestorbene Wanderfalke in NRW weiter etablieren kann“, freut sich Walter.  


Weit schwieriger sei es, den Vögeln der offenen Feldflur zu helfen, deren Bestände zum Teil rasant abnehmen, so Walter. Kiebitz, Feldlerche und Rebhuhn, die früher einmal zu den häufigen Arten zählten, stehen heute alle auf der Roten Liste der gefährdeten Vogelarten. Durch den Wegfall von Brachflächen und eine immer intensivere Nutzung von Acker und Grünland sind geeignete Brutplätze rar geworden. Auf ausgedehnten, monotonen Ackerschlägen ist das Nahrungsangebot an Würmern und Insekten sehr gering, so dass hier der Bruterfolg oft schlecht ausfällt und die Bestände ausdünnen. Um dem Rückgang entgegen zu wirken wurden Naturschutzprojekte aufgelegt, wie z.B. das Projekt „1.000 Fenster für die Lerche“ oder die Förderung von Brachen und Randstreifen, die für mehr Strukturen in den Ackerflächen sorgen. Die Landwirte können sich freiwillig an den Programmen beteiligen und so einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt leisten.  

 

Der große Brachvogel ist noch da 

Die größte Besonderheit unter den Wiesenvögeln in Gütersloh ist der Große Brachvogel, der sich schon optisch durch seinen enorm langen, gebogenen Schnabel von allen anderen heimischen Vögeln unterscheidet. Auch sein lauter, flötender Reviergesang ist unverwechselbar und vor allem zu Beginn der Brutzeit im März und April noch in den Naturschutzgebieten „Am Lichtebach“ und „Große Wiese“ zu hören, wo noch vier Paare brüten.

Wichtige Bestandteile einer artenreichen Landschaft sind Gehölzstrukturen. In Wildhecken und Feldgehölzen brüten Goldammer und Dorngrasmücke, die beide in Gütersloh noch verbreitet sind, aber in ausgeräumten Ackerlandbereichen fehlen. Als traditioneller Kulturbaum der Feuchtwiesen wurde schon früher die Weide angepflanzt, die gut mit dem hohen Grundwasserstand zurecht kommt. Durch einen regelmäßigen Schnitt werden die Weiden als Kopfbäume kultiviert, deren Holz über viele Jahre hinweg geerntet werden kann, ohne dass der Baum gefällt werden muss. Mit zunehmendem Alter bilden sich in dem weichen Holz der Weiden Ausfaulungen, die Höhlenbrütern, wie Feldsperlingen oder Kohl- und Blaumeisen als Brutplätze dienen. In mindestens 60-80 jährigen Bäumen können diese Höhlen so groß werden, dass der Steinkauz, unsere kleinste Eule, dort einziehen kann. Im Stadtgebiet von Gütersloh wurden in den letzten 15 Jahren bis zu einem Dutzend Revieren bekannt, abhängig vom Winterwetter und Nahrungsangebot. Die Hauptvorkommen liegen in Isselhorst, Sundern und Spexard. Der Steinkauz ernährt sich vorwiegend von Mäusen, nimmt aber auch einen hohen Anteil an Käfern und Regenwürmern auf. Er sucht die Nähe von Hofstellen, wobei er Scheunen und Viehställe als Unterstand und bei schlechter Witterung auch zur Jagd auf kleine Nager nutzt. Zu einem guten Brutrevier gehören auch hofnahe Viehweiden und Obstwiesen die für ein ausreichendes Nahrungsangebot sorgen. Wo alte Kopfweiden oder Obstbäume mit natürlichen Höhlen fehlen, kann durch das Anbringen von speziellen Steinkauz-Brutkästen geholfen werden.

Obwohl Gütersloh nicht sehr üppig mit Wäldern ausgestattet ist, die nur etwa sieben Prozent der Fläche ausmachen, kommt dennoch eine ganze Reihe von typischen Waldvogelarten vor. Viele dieser Arten, wie das Rotkehlchen, der Buchfink oder die Singdrossel gibt es durchaus auch in Siedlungen, Parks oder Gewerbeflächen, sofern hier genügend ältere Bäume und Sträucher vorhanden sind. Sie sind aber ursprünglich Bewohner der Baum- und Strauchschicht in Wäldern und erreichen hier ihre höchsten Dichten. Besonders ältere Laub- und Mischwaldbereiche haben eine hohe ökologische Wertigkeit. Hier finden Spechte im Totholz genügend Nahrung und schaffen durch ihre Bautätigkeit neuen Wohnraum für höhlenbewohnende Vögel, aber auch Fledermäuse und Insekten. Nutznießer der Höhlen sind der Kleiber, die Sumpfmeise und in Nadelwäldern auch die Tannenmeise. Während der Buntspecht auch in kleineren Wäldchen überall in Gütersloh zu finden ist, kommt der seltene Schwarzspecht, der etwa die Größe einer Krähe hat, nur in den Waldbereichen mit Altholzbeständen vor. Der Schwarzspecht baut deutlich größere Bruthöhlen als der wesentlich kleinere Buntspecht. Er ist daher ein wichtiger Höhlenbauer für größere Vogelarten, wie die Hohltaube oder den Waldkauz. Brutreviere, die eine Größe von bis zu 1.000 ha haben können, sind seit vielen Jahren aus Friedrichsdorf, Isselhorst und Ebbesloh bekannt.

 

Zu Hause in der Heidelandschaft 

Manchmal eröffnet die Vogelwelt sogar einen Blick in die Vergangenheit. So kommen in Niehorst mit dem Baumpieper und der Heidelerche zwei gefährdete Vogelarten vor, die typisch sind für eine Heidelandschaft. Immerhin wurde Gütersloh einst sogar als Heidestadt bezeichnet. Noch um das Jahr 1800 herum waren annähernd 60 Prozent der Fläche von Heidevegetation bewachsen. Heute ist die Heide in Gütersloh fast überall verschwunden und musste einer Bebauung oder intensiveren landwirtschaftlichen Nutzung weichen. Im Bereich des ehemaligen NATO-Tanklagers konnten sich einige Hektar halten und hier brütet auch heute noch, wie wohl schon seit einigen Jahrhunderten, die Heidelerche. Die Stadt Gütersloh hat in den letzten Jahren hier einige Flächen gekauft, um Ausgleich für Eingriffe in die Natur zu leisten. Der sandige, nährstoffarme Oberboden wurde wieder hergestellt und die Initiative für die Entwicklung einer Heidevegetation geschaffen. „So kann vielleicht zusammen mit dem Baumpieper und der Heidelerche auch ein Stück Tradition der Stadtgeschichte von Gütersloh bewahrt werden“, hofft der Biologe. 
 
 

Der Autor: Bernhard Walter, Jahrgang 1959, ist Diplombiologe und leitet die Biologische Station Gütersloh/Bielefeld. Die Biologische Station koordiniert seit Mitte der 1990er Jahre die kreisweite Wiesenvogelerfassung und verfügt über eine der landesweit besten Datenreihen über die Bestandsentwicklung dieser Gruppe. Daneben setzt die Station viele Artenschutzprojekte um, unter anderem. das kreisweite Artenschutzkonzept Mehr unter www.biostation-gt-bi.de/artenschutz/start.html


Bilder:
Der Kiebitz steht auf der Roten Liste der gefährdeten Vogelarten. Durch den Wegfall von Brachflächen und eine immer intensivere Nutzung von Acker und Grünland sind geeignete Brutplätze rar geworden. 

Die Goldammer, die in Gütersloh noch verbreitet ist, liebt Wildhecken und Feldgehölze als Brutplatz. 

Der große Brachvogel ist unter den Wiesenvögeln in Gütersloh eine Besonderheit: Vier Paare brüten noch in den Naturschutzgebieten „Am Lichterbach“ und „Große Wiese“.


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