07.08.2010 12:16

Der SlamGT Highlander auf der Dalkeinsel in Gütersloh in Wort und Bild

Rubrik: Open-Air, Theater, Gemischtes, Kleine Bühne im Kesselhaus, GTextra, Startseite
Von: ben/franzi

Gütersloh (ben/kgi). Zum zweiten Mal war es so weit: Poetry-Slam auf der Dalkeinsel im Stadtpark gehört somit wohl (hoffentlich) zum festen Programm-Punkt des Gütersloher Sommers. Nach dem ersten SlamGT auf der Insel im vergangenen Jahr eroberte er mehr und mehr das Kesselhaus der Weberei, fand schnell sein Publikum und zog Slammer aus der ganzen Bundesrepublik an. Die Besten der Besten haben sich nun beim so genannten "Highander" wieder getroffen und um den Gesamtsieg der vergangenen Saison "gestritten". Der Sieger vetritt Gütersloh nun beim NRW-Slam. Da ich selber nicht anwesend war greife ich heute zur Berichterstattung einmal auf gut bekannte "fremde" Quellen zurück: Alle Fotos stammen von Karin Hoffschildt, der wunderbare "Text hinter die Kulissen" von Slam-Teilnehmerin Franziska Röchter - VIELEN DANK AN EUCH BEIDEN!!!



Franzi über: Die ungeschriebenen Gesetze des Slam 


So langsam verstehe ich immer mehr. Die Gesetze des Slams erschöpfen sich nicht nur in der Dauer der Lesezeit und in der Art der Punkteermittlung. Die Balance zu halten zwischen dem, was man weiß und dem, was als Erkenntnis nach außen trägt, ist nicht einfach. Die Balance zu halten zwischen authentischen Texten, die geschrieben werden müssen und dem Wissen darum, dass Wahrheit nicht immer gut ankommt, nicht minder. Auf jeden Fall war der Highlander auf den herrlichen Dalke-Auen im Stadtpark Gütersloh für unvorbelastete Zuschauer eine spannende Angelegenheit.


Mit ca. zwanzig Minuten absichtlicher Verspätung traf ich zum Pre-Slammer-Treff und Pre-Slammer-Schlämmen im wunderschönen Parkbad Gütersloh ein. Selbst Euro, so wie ich extraterrestialer Wildcard-Teilnehmer der vermeintlichen Generation Sorglos -  war auch schon da. Der Verkehrsverein Gütersloh war sehr großzügig ... was meinem Mini-Magen aber sowas von schnuppe war. Der wollte nichts. Überhaupt haben wir es Julia Peschke und Wolfgang Hein, beide von der Stadt Gütersloh, zu verdanken, dass der Slam regulär nach Gütersloh kam, nach dem ersten Inselslam im Sommer 2009. Und von einem Ex-Gütersloher, dem unvergleichlichen MichaEl Goehre moderiert wird. Diese Entscheidungen war richtig und gut! (Intern eingeschaltetes Semantikkontrollprogramm sagt: #Satzstreichung wegen #Schleimfaktor! Pfeif ich drauf).


Nicht richtig war es (man achte auf die Doppelsemantik), dass einige bereits anwesende Slammer sich erst mal ausgiebig mit dem Thema ‚Libidinös-demographische Zusammenhänge in der Slamszene’ beschäftigten: Gespräche zentrierten zunächst um die Tatsache, dass attraktive junge Slammer, deren Gruppe sich offenkundig aus dem hohen Norden rekrutiert, (Semantikkontrolle: #Schleimfaktor!), entweder von notgeilen alterschwachen Witwen gebucht werden, weil sie als Groupie die Slammer heimlich vernaschen wollen, oder von der katholischen Kirche (wohl aus ähnlichen Gründen). (Hier kommt neben dem Schleimfaktor sicher auch der Neidfaktor ins Spiel). Ich war erstaunt über die emphatische Feinfühligkeit, die sich nach der Konsumtion kleinerer oder größerer Alkoholmengen einstellen kann. 


Noch erstaunter war ich, dass der spätere Sieger des Abends auf keinen Fall auf ein Foto zusammen mit mir wollte, einzeln aber auch nicht wirklich, aber doch schon eher, weshalb ich, um mir irgendwelchen Ärger zu ersparen, alle Fotos von Moritz, die ihn irgendwie exponieren, lieber weglasse. Schade eigentlich, denn er hat sowas von verdient gewonnen, obwohl er (mit letztem Startplatz versehen) bis zu seinem Auftritt soviel trinken durfte, dass wir schon ein bisschen gespannt waren, wie flüssig seine Rede würde. Bis zum Finalauftritt hatte er dann noch etwas mehr Zeit (zum Trinken), und dieser war einfach nur noch gnadenlos extrovertiert bis gigantisch gut. Etwas weniger extrovertiert, dafür aber nicht minder lustig, war Sven Sticklings Halbfinaltext vom Bärli im Regierungsviertel (Bär der Nation), mit dem Sven bewies, dass man schon thematisch die Politik streifen darf, aber am besten nur im Zusammenhang mit bereits staatlich anerkannten und allgemeinhin kabarettistisch ausgeschlachteten ‚Witzfiguren’. 


Dass so etwas wie echte Gesellschaftskritik, und sei sie noch so unterhaltsam und dezent vorgetragen, es schwer hat, musste auch Schriftstehler mit seinem wunderbar guten Text über unsere ‚freundliche’ Dienstleistungsgesellschaft erfahren. Nun hatte Schriftstehler zwar den denkbar schlechtesten Startplatz in Runde eins (Ironie des Schicksals nach der Myslam-Diskussion), aber ich persönlich hätte gedacht, dass gerade ihm das in Gütersloh nicht zum Schaden gereichen würde. Falsch gedacht. Schriftstehler kam nicht ins Finale, genauso wenig wie ich, die direkt nach Schriftstehler ebenfalls gesellschaftskritisch das Volk wachzurütteln versuchte, vielleicht zu direkt (irgendjemand meinte, ob ich nicht eine Partei gründen wolle), und dafür so gnadenlos abgestraft wurde, dass ich sagen kann: außer mir hatte nur noch ein netter junger Mann aus Paderborn namens Marius, der in Runde zwei auftrat, die gleiche Punktzahl. Dabei sprach mich später ein Mensch, der in Berlin für die Landesregierung arbeitet, auf meinen Text an. Gesetz den Fall, dass dieser Mensch auch nur ein bisschen ehrlich war, kann ich sagen: wenigstens einer mochte meinen Text, wenngleich auch er feststellte, man müsste das wirklich noch mal nachlesen ... (Heute morgen registrierte ich bereits Followerschwund in den social media ...  werde ich jemals wieder eine Slambühne betreten können?) 


Unbedingt erwähnt werden muss, dass Sven Fritze zusammen mit Sven Stickling im Halbfinale war und es wirklich messerscharf war, Sven Fritzes zweiter Text gigantisch lustig war (hatte etwas mit ‚mir’ zu tun) und er es fast geschafft hätte. Ebenso ganz dicht dran war auch Anke Fuchs aus Köln, die gegen Moritz antreten musste. So aber gab es zwei Finalsieger: Moritz Neumeier und Sven Stickling (Jurassic Bär), wobei Moritz seinen NRW-Startplatz für den 17./18. September in Bielefeld großzügig an Sven überlassen hat. Herzlichen Glückwunsch an beide verdienten Sieger! (Leider war genau nun meine Batterie leer, und ich konnte kein echtes Siegerfoto mehr machen).


Vielleicht hätte Katja Hofmann mehr Glück gehabt, wenn sie ihren Kleidungswechsel auf  offener Bühne vorgenommen hätte, vielleicht hätte Dominik doch lieber über Fußball berichten sollen, vielleicht hätte ich in meiner vorweggeschickten ultimativen Moderatorenlobpreisung  den ebenfalls sehr sehr guten Co-Moderator des Abends, Lampe, erwähnen sollen, vielleicht werde ich im nächsten Leben Bär oder Raumstation oder gehe zum Slammen nach Usbekistan oder Feuerland. Vielleicht aber auch nicht.


Es war jedenfalls ein gnadenlos guter Abend! Mit enorm vollen Dalke-Auen. Und Gütersloh ist ein absolut geiler Ort zum Slammen! Sowohl draußen im Stadtpark, mit den aerodynamischen roten Doppellogen-Wellness-Liegen, auf denen einige Slammer schon vor ihrem Auftritt wegzudösen drohten, als auch in der Weberei selbst. Die bietet nämlich mit dem Kesselhaus und dem großen Saal usw. einfach unglaublich viele Möglichkeiten!




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